„Ich habe bei der Geburt versagt“ – Warum dieses Gefühl trügt & wie du Frieden findest

April 3, 2025 | Geburt heilen, Wochenbett

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„Ich habe bei der Geburt versagt.“ – Ein Satz, den viele Frauen nach einer herausfordernden Geburt in ihren Gedanken wiederholen. Vielleicht lief alles anders als geplant. Vielleicht fühlst du dich machtlos, enttäuscht oder sogar schuldig. Diese Gefühle können tief sitzen und die ersten Wochen oder Monate mit deinem Baby überschatten.

Doch was, wenn ich dir sage, dass dein Körper nicht versagt hat – und du erst recht nicht? Dass deine Gefühle berechtigt sind, aber nicht deine Schuld? In diesem Artikel schauen wir uns an, woher dieses belastende Gefühl kommt, warum du nicht allein damit bist und wie du sanft einen Weg findest, Frieden mit deiner Geburt zu schließen.

Geburt damals & heute: Zwischen Urkraft & Angst

Geburt ist eines der ältesten und ursprünglichsten Erlebnisse des Lebens – ein kraftvoller Übergang, der Frauen seit Jahrtausenden begleitet. In vielen traditionellen Kulturen wurde die Geburt als heiliges, transformierendes Ereignis zelebriert. Frauen wurden in ihren Gemeinschaften von erfahrenen Geburtsbegleiterinnen umsorgt, das Wissen um den Geburtsprozess wurde weitergegeben, und die natürliche Kraft des Körpers stand im Mittelpunkt. Geburt war tief mit Vertrauen, Intuition und einer natürlichen Selbstverständlichkeit verbunden.

Heute sieht das oft anders aus. Statt einem natürlichen Übergang erleben viele Frauen Geburt als medizinisches Ereignis – geprägt von Kontrollmechanismen, Routinen und Interventionen. Angst ist für viele Frauen ein ständiger Begleiter in der Schwangerschaft: Angst vor Schmerz, vor Komplikationen, vor Kontrollverlust. Die Geburt wird oft als Risiko betrachtet, das es zu minimieren gilt, statt als kraftvolle, aber individuelle Erfahrung. Moderne Geburtshilfe kann Leben retten, aber sie hat auch dazu geführt, dass viele Frauen das Vertrauen in ihren Körper verlieren und sich ausgeliefert fühlen.

Dieser Wandel hat weitreichende Folgen: Wenn Geburt nicht mehr als natürlicher Prozess, sondern als potenziell gefährliche Situation betrachtet wird, kann das die innere Haltung der Gebärenden tief beeinflussen. Der Glaube, dass der eigene Körper „versagen“ könnte, wird regelrecht genährt – und genau hier beginnt das Gefühl der Ohnmacht, das viele Frauen nach belastenden Geburtserlebnissen spüren. Doch dieser Gedanke ist nicht die Wahrheit.

Woher kommt das Gefühl des Versagens?

Das Gefühl, bei der Geburt „versagt“ zu haben, entsteht nicht im luftleeren Raum. Es ist das Ergebnis tief verwurzelter gesellschaftlicher Vorstellungen, persönlicher Erwartungen und medizinischer Strukturen, die den Geburtsprozess stark beeinflussen. Oft haben Frauen bereits vor der Geburt ein bestimmtes Bild davon, wie sie ablaufen „sollte“ – und wenn die Realität davon abweicht, bleibt ein schmerzhafter innerer Konflikt.

  • Gesellschaftliche Erwartungen an die „perfekte Geburt“: Die Gesellschaft vermittelt ein Idealbild von Geburt: ruhig, kraftvoll, selbstbestimmt – aber auch „natürlich“ und möglichst interventionsfrei. Doch jede Geburt ist individuell, und nicht jede Frau hat die gleichen Voraussetzungen oder Umstände. Das Ideal kann schnell zur Bürde werden, wenn die eigene Erfahrung nicht dem entspricht, was als „gut“ oder „richtig“ gilt.
  • Der Druck, es „richtig“ zu machen – Perfektionismus & Vergleich: Social Media, Geburtsberichte anderer Mütter oder gut gemeinte Ratschläge können unbewusst das Gefühl verstärken, dass es nur eine „richtige“ Art zu gebären gibt. Besonders Frauen mit hohen Ansprüchen an sich selbst neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, wenn die Geburt nicht nach Plan verläuft.
  • Tief verankerte Glaubenssätze über Geburt & Mutterschaft: Schon früh übernehmen wir Vorstellungen darüber, was es bedeutet, eine „gute“ Mutter zu sein. Manche Frauen haben unbewusst gelernt, dass Geburt ein Test für ihre Stärke ist – und wenn sie medizinische Unterstützung benötigen oder ihre Gefühle nach der Geburt anders sind als erwartet, kann das einen inneren Konflikt auslösen.
  • Medizinische Narrative: Wer hat wirklich die Kontrolle?: In der modernen Geburtshilfe wird oft der Eindruck vermittelt, dass Sicherheit nur durch medizinische Kontrolle gewährleistet werden kann. Frauen bekommen Routinen, Eingriffe und Vorgaben präsentiert, die das Gefühl vermitteln können, dass ihr Körper den Prozess nicht allein bewältigen kann. Dadurch entsteht oft das Gefühl der Fremdbestimmung – und daraus resultiert ein Gefühl der Hilflosigkeit und der Gedanke, selbst „versagt“ zu haben.

Was bedeutet das für dich? Wenn du dich mit diesen Punkten identifizieren kannst, dann bedeutet das vor allem eines: Dein Gefühl des Versagens ist nicht deine Wahrheit – es ist eine Folge der Umstände, in denen Geburt heute oft stattfindet. Indem du erkennst, woher diese Gedanken kommen, kannst du beginnen, sie zu hinterfragen und dir eine neue, sanftere Perspektive zu erlauben.

---- Reflexion in Abschnitt 4 -----

traumatische Geburt

Warum du nicht schuld bist – Die Wissenschaft hinter Geburt & Trauma

Viele Frauen, die ihre Geburt als belastend oder traumatisch erlebt haben, suchen die Schuld bei sich selbst. Doch dein Körper hat nicht versagt – im Gegenteil: Er hat in einer extrem herausfordernden Situation genau das getan, wofür er geschaffen wurde. Um zu verstehen, warum du nichts „falsch“ gemacht hast, lohnt sich ein Blick auf die körperlichen und psychologischen Prozesse, die während der Geburt ablaufen.

Körperliche Prozesse unter der Geburt: Was passiert im Gehirn & Nervensystem?

Während der Geburt befindet sich dein Körper in einem hochsensiblen Zustand. Das Nervensystem, insbesondere der Vagusnerv und das limbische System im Gehirn, sind entscheidend für die Steuerung des Geburtsprozesses:

  • Oxytocin als Schlüsselhormon: Oxytocin sorgt für Wehen, fördert das Bonding und wirkt beruhigend. Ein sicherer, ruhiger Rahmen unterstützt die Ausschüttung – Stress hingegen kann sie blockieren.
  • Das Nervensystem reguliert die Geburtsarbeit: Der Parasympathikus (Ruhe- und Regenerationsmodus) fördert eine sanfte, physiologische Geburt. Kommt es jedoch zu Angst, Schmerz oder Kontrollverlust, kann der Sympathikus (Flucht-/Kampfmodus) aktiviert werden.
  • Neokortex vs. instinktives Gehirn: Die Geburt verläuft am besten, wenn der Neokortex (das denkende Gehirn) in den Hintergrund tritt und das limbische System (unser instinktives Gehirn) übernimmt. Zu viel äußere Stimulation, Beleuchtung, Gespräche oder Stress können diesen natürlichen Ablauf stören.

Wie Interventionen natürliche Abläufe beeinflussen können

Medizinische Eingriffe können in vielen Situationen lebensrettend sein. Gleichzeitig beeinflussen sie aber die hormonellen und physiologischen Abläufe einer Geburt:

  • Wehenmittel (z. B. synthetisches Oxytocin) verstärken Wehen künstlich, blockieren aber oft das körpereigene Oxytocin und erschweren die natürliche Schmerzlinderung.
  • Liegen statt Bewegung kann dazu führen, dass das Baby schlechter ins Becken rutscht und die Geburt länger oder schmerzhafter wird.
  • Eingriffe wie PDA oder Kaiserschnitt beeinflussen das Zusammenspiel der Hormone und können das natürliche Bonding sowie das Geburtserleben stark verändern.

Das bedeutet nicht, dass diese Interventionen „schlecht“ sind – sondern dass sie den natürlichen Prozess verändern und dein Körper sich darauf anpassen musste.

Warum dein Körper nicht versagt hat – sondern sich angepasst hat

Wenn du in deiner Geburtssituation Angst, Hilflosigkeit oder Kontrollverlust erlebt hast, hat dein Körper automatisch Schutzmechanismen aktiviert. Diese sind keine Zeichen von Schwäche oder Versagen – sie sind tief in unserem Nervensystem verankerte Überlebensstrategien: 

  • Freeze-Reaktion („Erstarrung“): Statt aktiv zu kämpfen oder zu fliehen – was unter der Geburt kaum möglich ist – schaltet der Körper in einen Zustand der Starre. Das kann sich im Nachhinein wie „Nichtstun“ oder „Aufgeben“ anfühlen, war aber in diesem Moment der beste Schutzmechanismus deines Nervensystems.
  • Dissociation („Abkopplung vom Erleben“): Manche Frauen berichten, dass sie sich während der Geburt wie neben sich stehend oder gar nicht richtig anwesend gefühlt haben. Das ist eine Strategie des Gehirns, um emotionale Überwältigung zu reduzieren – ähnlich wie ein innerer Notausgang.
  • Veränderung des Geburtsverlaufs durch Stressreaktionen: Hoher Stress oder Angst können dazu führen, dass sich der Muttermund langsamer öffnet oder die Wehen nachlassen. Das liegt daran, dass das Stresshormon Adrenalin die Wirkung von Oxytocin hemmt – ein evolutionärer Mechanismus, der ursprünglich dazu diente, eine Geburt bei Gefahr zu verzögern. Wenn deine Geburt also stagnierte oder medizinische Unterstützung nötig wurde, war das kein Versagen deines Körpers, sondern eine ganz natürliche Reaktion auf die Umstände.

Was bedeutet das für dich? Dein Körper hat dich nicht im Stich gelassen. Er hat bestmöglich auf die Situation reagiert, um dich zu schützen. Das Gefühl des Versagens ist nicht die Wahrheit – es ist eine Nachwirkung von Schutzstrategien, die in diesem Moment notwendig waren. Dieses Wissen kann ein erster Schritt sein, um Frieden mit deiner Geburt zu schließen.

Was steckt wirklich hinter diesem Gefühl des "Versagens"?

„Ich habe versagt“ ist selten eine neutrale Feststellung – es ist ein Ausdruck für ein komplexes inneres Erleben. Dahinter können verschiedene Emotionen stecken:

  • Ohnmacht – Das Gefühl, keine Kontrolle über das Geschehen gehabt zu haben. Vielleicht hattest du einen Plan, eine Vorstellung von deiner Geburt, und plötzlich warst du in einer Situation, die du nicht mehr lenken konntest.
  • Hilflosigkeit – Momente, in denen du dachtest: „Ich kann nicht mehr“ oder „Ich weiß nicht, was ich tun soll“. Wenn dein Körper anders reagiert hat, als du es erwartet hast, oder wenn du dich von den Ereignissen überrollt gefühlt hast, kann das tiefe Spuren hinterlassen.
  • Trauer – Der Verlust einer erhofften Erfahrung. Wenn deine Geburt nicht so verlief, wie du sie dir gewünscht hast, trauerst du vielleicht um das, was hätte sein können. Diese Trauer ist echt und verdient Raum.

Oft ist es nicht das „Versagen“ selbst, das schmerzt, sondern die tieferen Emotionen, die damit verbunden sind.

Eine Einladung zur Reflexion

Nimm dir einen Moment, um bewusst zurückzublicken. Beantworte für dich – schriftlich oder in Gedanken – die folgenden Fragen:

1.

Welche Erwartungen hattest du an deine Geburt und woher kamen diese Erwartungen (eigene ofer fremde Einflüsse)?

2.

Was löst das Wort „Versagen“ in dir aus? Welche Gedanken und Gefühle tauchen auf?

3.

Kannst du einen Moment während der Geburt benennen, in dem du dich besonders machtlos oder überfordert gefühlt hast?

Erkenne an, dass deine Gefühle berechtigt sind. Selbst wenn andere sagen: „Hauptsache, das Baby ist gesund“, weißt du, dass es um mehr geht. Es geht um DICH, deine Erfahrung, deine Emotionen.

Sanfte Schritte, um Frieden mit deiner Geburt zu finden

Dein Geburtserlebnis kann tiefe Spuren hinterlassen – aber du hast die Möglichkeit, einen neuen Weg mit ihm zu gehen. Heilung bedeutet nicht, dass das Erlebte verschwindet, sondern dass du es in dein Leben integrierst, ohne dass es dich beherrscht. Diese fünf Schritte können dir dabei helfen, Frieden mit deiner Geburt zu schließen:

1. Annehmen, was ist – Deine Gefühle ernst nehmen

Es ist okay, dass du so fühlst, wie du fühlst. Ob Trauer, Wut, Enttäuschung oder Verwirrung – all diese Emotionen haben ihren Platz. Erst wenn du ihnen Raum gibst, kann echte Verarbeitung beginnen.

2. Schuld von Verantwortung trennen – Was lag wirklich in deiner Hand?

Es ist leicht, sich selbst die Schuld zu geben, aber nicht alles lag in deiner Macht. Du hast in der jeweiligen Situation nach bestem Wissen und unter den gegebenen Umständen gehandelt.

3. Deinen Körper als Verbündeten sehen – Vertrauen zurückgewinnen

Vielleicht hast du das Gefühl, dass dein Körper „versagt“ hat – doch das Gegenteil ist der Fall. Dein Körper hat reagiert, um dich und dein Baby zu schützen. Es kann heilsam sein, ihn nicht als Feind, sondern als starken Verbündeten zu betrachten.

4. Deine Geburt neu betrachten – Die Perspektive sanft verändern

Wie du über deine Geburt denkst, beeinflusst, wie du sie in dir trägst. Gibt es einen Aspekt deiner Geburt, den du mit Stolz betrachten kannst? Einen Moment der Stärke? Ein Detail, das du bisher übersehen hast?

5. Unterstützung annehmen – Warum du nicht allein bist

Geburtsverarbeitung muss kein einsamer Weg sein. Der Austausch mit anderen Frauen, therapeutische Begleitung oder ein traumasensibler Workshop können dir helfen, dich gehalten und verstanden zu fühlen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe anzunehmen – es ist ein Schritt in Richtung Heilung.

Workshop: WEnn Geburt nachwirkt

Einladung zur Vertiefung

Deine Geburt war ein prägendes Erlebnis – aber sie definiert nicht, wer du bist. Du bist nicht die Summe dieser Stunden, sondern die Frau, die daraus hervorgegangen ist. Vielleicht fühlt es sich gerade noch schwer an, vielleicht ist der Schmerz noch laut. Doch Heilung ist möglich. Du kannst deine Geburt für dich neu einordnen, Frieden mit ihr schließen und gestärkt daraus hervorgehen.

Du musst diesen Weg nicht allein gehen. In meinem traumasensiblen Geburtsintegrations-Workshop in Cottbus (online Termin demnächst) begleite ich dich behutsam durch diesen Prozess. Mit sanfter Wissensvermittlung, stabilisierenden Übungen und einer Gemeinschaft, die dich versteht, setzen wir den ersten Schritt in Richtung Heilung.

Möchtest du diesen Weg gemeinsam mit mir gehen?

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Du bist nicht gescheitert – du bist gewachsen. Deine Geburt mag Narben hinterlassen haben, aber in dir steckt die Kraft, sie in Stärke zu verwandeln.


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About the author, Sandra

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Während meines zweiten Wochenbettes habe ich mich entschieden den Weg der Doula zu gehen. In Verbindung mit meinen Interessen in die Natur und Spiritualität begleite ich schwangeren Frauen so individuell und liebevoll wie sie es verdienen und Standard sein sollte. Ich stehe für eine selbstbestimmte Schwangerschaft, weiblicher(e) Geburtskultur und selbstbewusste Stillzeit.

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